„Ohne das Handy wären sie ziemlich isoliert“ (schwieriger)

nurses Zehntausende Ärzte in Asien teilen und diskutieren auf Facebook ihr Fachwissen, Hebammen in ländlichen Regionen Südafrikas tauschen sich über ihren Beruf aus. Ohne die Mobiltechnologien wären sie ziemlich alleine. Welche Chancen bieten die Technologien und sozialen Netzwerke für die abgelegenen, benachteiligten Regionen unserer Welt? Diese und andere Fragen hat mir Christoph Pimmer beantwortet.

zimbabweChristoph arbeitet am Institut für Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Basel und ist auf Mobiles Lernen in abgelegenen und benachteiligten Gebieten spezialisiert. Seine Frage ist: „Wie kann man dort mit digitalen Medien das Lernen unterstützen?“ Dafür ist er mit seinem Forschungsteam nach Zimbabwe, Nepal und Südafrika gereist.

Sind Mobilgeräte in abgelegenen, ärmlichen Gebieten der Welt denn überhaupt verbreitet?
Ja, die meisten Menschen auf der Welt haben Zugang zu Mobilkommunikation. Mobilgeräte sind auch in Gebieten, wo man es nicht vermutet, sehr verbreitet. Nepal zum Beispiel gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. In Kathmandu hatten wir damals bei unserem Einsatz im Durchschnitt nur vier Stunden pro Tag Strom. Trotzdem hatte fast jeder Student ein Mobiltelefon, das er zur Kommunikation und zum Lernen benutzte. In Südafrika tauschen sich Hebammen in ländlichen Gebieten über Mobiltelefone aus. Auch die Nomaden im Tschad, die in sehr abgelegenen Gebieten leben, nutzen schon Mobilgeräte.

Welche Probleme gibt es in Entwicklungsländern und welche Vorteile können Technologien dort bieten?
Im Gesundheits- und Bildungsbereich gibt es oft große Probleme. So gab es in der Schule in Zimbabwe kaum qualifizierte Lehrer. Technologie ist kein Wundermittel, aber sie ermöglicht den Zugang zu Informationen – ein riesiger Vorteil! Mobiltelefone sind sehr einfach zu bedienen. Auch Menschen, die nicht oder nicht gut lesen können, können sie benutzen. Das ist ein Unterschied zur Computertechnologie. Menschen, die vorher isoliert waren, können so an Wissen teilhaben. Distanzen spielen keine so große Rolle mehr. Ein wichtiger Aspekt sind soziale Medien wie Facebook. Sie können durch Mobilgeräte genutzt werden und das Lernen in Schule und Beruf fördern. So können sich zum Beispiel die Hebammen in Südafrika, die auf dem Land arbeiten und beruflich isoliert sind, über Mobiltelefone miteinander vernetzen und sich via Facebook praxisorientiert austauschen. Sie diskutieren dabei ganz konkrete Probleme, zum Beispiel eine schwierige Geburt. Wir haben auch erforscht, wie die Medizinstudenten in Afrika und Asien in Facebookgruppen Patientenfälle und Fachfragen diskutieren oder Quizfragen und Übungen machen; oder sie teilen Bilder und Dateien mit ihren Mobilgeräten, und suchen relevante Informationen im Internet.

Welche Technologien und Netzwerke sind in den Gebieten beliebt?
Soziale Medien sind allgemein sehr populär. Aber das ist regional unterschiedlich: Das Netzwerk „Mixit“ ist z.B. in Südafrika sehr beliebt. Jüngere Personen sind generell offener als ältere; diese sind skeptischer und zurückhaltender, was die Nutzung von digitalen Medien betrifft. In unserer Arbeit in Südafrika haben wir einen Kurs der Universität für Hebammen in einer Facebookgruppe durchgeführt. Diese haben sehr häufig ihre Mobilgeräte benutzt, um in diese Gruppe zu gehen. Die Hebammen zwischen 30 und 50 wurden durch ihre Kinder unterstützt, dadurch war es für sie leichter, diese Technologien zu nutzen.
Am besten ist es, in Bildungsprojekten jene Technologien zu verwenden, die bereits von den Lernenden vor Ort genutzt werden; das sind eben häufig Mobilgeräte und soziale Medien.

Gibt es beim Lernen in sozialen Netzwerken auch Probleme?
Die sozialen Netzwerke sind eigentlich nicht fürs Lernen geschaffen. Es gibt keine Qualitätskontrolle und es könnten auch Fehlinformationen gepostet werden. Nur die Nutzer selbst kontrollieren sich gegenseitig.
Außerdem kann die Vernetzung von Schülern, Lehrern, Angestellten und Arbeitgebern auch unangenehm sein. Alle sehen, was man schreibt. Da entstehen Fragen wie „Will ich bei Facebook mit meinem Professor oder Chef befreundet sein?“ Denn man hat in der Gesellschaft ja viele Identitäten, zum Beispiel die private und die berufliche, die man vielleicht nicht vermischen möchte.
Außerdem können kommerzielle Plattformen die privaten Daten beispielsweise für Werbezwecke nutzen, was ich als Problem sehe.

Wie löst man technische Probleme, die in abgelegenen Gebieten auftreten?
In Gebieten mit geringer Netzabdeckung gibt es Projekte, in denen man Audio- und Videomaterialien auf den Handys vorinstalliert. Damit verhindert man lange Download-Zeiten. Ein Beispiel dafür ist das Programm „English in Action“ beim dem Sprachlehrer in Bangladesch multimediale Einheiten zur Unterrichtsgestaltung auf ihrem Smartphone abrufen können.

Was fasziniert dich an diesem Bereich?
Ich sehe in der Integration von mobilen und sozialen Medien ein großes Potenzial. Sie ermöglicht vielfältige Formen ortsunabhängiger Kommunikation mit vielen weiteren Personen. Und sie hat auch große Auswirkungen auf die Art, wie wir lernen.

Welche Plattformen nutzt du selbst zum Lernen?
Aus beruflicher Neugierde nutze ich verschiedene Plattformen, wie Facebook, Linkedin etc. Sehr lehrreich ist Twitter. Dieser Dienst hilft mir, wichtige Entwicklungen meiner Forschungsgebiete im Auge zu behalten.

Beeinflussen Handys und Smartphones auch in der westlichen Welt unsere Leben?
Mobile Geräte beeinflussen unser Leben massiv! Zum Beispiel nutzen viele Smartphone-Besitzer ihr Gerät schon vor dem Aufstehen, z.B. um auf Facebook Meldungen zu lesen.

Was denkst du über die MOOC (Massive Open Online Courses), über die zurzeit so viel gesprochen wird? Sind sie für benachteiligte Regionen von Bedeutung?
MOOCS sind grundsätzlich nichts Neues. Vergleichbare Formate gibt es schon seit vielen Jahren. Es geht, vereinfacht gesagt, darum, möglichst viele Lernende in einen Kurs zu integrieren. Die Unterstützung durch den Lehrenden kann zum Teil durch Peer-Diskussionen ersetzt werden. MOOCs erfordern Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen von Seiten der Lernenden. Das gelingt nicht immer und darum gibt es in der Regel auch hohe Abbruchquoten. Trotzdem könnten MOOCs auch für Entwicklungsländer interessante Möglichkeiten bieten. Dazu gibt es jedoch kaum Erfahrungen. Für Entwicklungsländer wäre es wichtig, dass diese Angebote auf einfachen, billigen Mobilgeräten funktionieren.

Vielen Dank für das interessante Gespräch, Christoph!

Interview im März 2014
Fotos: ©https://blogs.fhnw.ch/m4healtheducation/, ©Christoph Pimmer

 

Wörter:
austauschen, sich=to exchange ideas/information
abgelegen=remote
benachteiligt=disadvantaged
unterstützen=to support
überhaupt=at all
verbreitet=popular, widespread
Zugang, der=access
vermutet<-vermuten=here: to expect
Einsatz, der=here: project
Durchschnitt, der=average
Entwicklungsland, das; Entwicklungsländer=developing country;-ies
kaum=hardly
bedienen=to operate/use
teilhaben=to participate
fördern=to support
vernetzen, sich miteinander=to connect with each other
praxisorientiert=practice-oriented
zurückhaltend=guarded
durchführen=to carry out
jene,s,r=that/those
Vernetzung, die=networking
Werbezweck, der; -e=advertising purpose,s
auftreten (Schwierigkeiten)=to arrise
Netzabdeckung, die=network coverage
Einheit, die=unit
abrufen (Informationen)=to call up
ortsunabhängig=independent of location
lehrreich=instructive
von Bedeutung sein=to be important
grundsätzlich=in principle
ersetzt<-ersetzen=to replace
Durchhaltevermögen, das=stamina
gelingen=to succeed
Abbruch, der; Abbrüche=dropping out/discontinuing

 

 

ÜBUNGEN

Vorm Lesen:

A. Heute geht es um die Nutzung von Technologien in abgelegenen und armen Gebieten auf der Welt. Welche Bilder hast du vor Augen?

B. Was denkst du:

1. In abgelegenen, benachteiligten Regionen der Welt … ein Handy.
a) besitzen wenige Menschen    b) besitzt die Mehrheit    c) besitzt etwa jeder zehnte Mensch

2. Hilfe können Handys vor allem bei Problemen in den Bereichen … bieten.
a) Import und Export     b) Agrarwirtschaft und Stadtplanung    c) der Bildung und Gesundheit

3. Soziale Netzwerke wie Facebook sind in Entwicklungsländern … .
a) noch sehr unbekannt   b) beliebt und werden viel genutzt   c) wegen der politischen Lage oft nicht nutzbar

4. Fernkurse wie die MOOCs sind… .
a) in Industrieländern sehr beliebt, in Entwicklungsländern gibt es damit aber kaum Erfahrungen
b) in Industrieländern und seit einigen Jahren auch in Entwicklungsländern sehr beliebt
c) in Entwicklungsländern schwer durchzuführen, weil die Internetverbindungen oft nicht stabil genug sind

 

Was wird zu diesen Orten gesagt?

1. Nepal
2. Bangladesch
3. Südafrika
4. westliche Welt
5. Zimbabwe
6. Tschad

a. Dort ist die Netzabdeckung nicht so gut und man verwendet vorinstalliertes Material auf Handys.
b. Schon vor dem Aufstehen liest man seine Nachrichten auf Facebook.
c.  Die Nomaden dort leben sehr abgelegen.Trotzdem nutzen sie Mobilgeräte.
d. In der Schule gab es kaum qualifizierte Lehrer. Technologien ermöglichen besseren Zugang zum Lernen.
e. Eines der ärmsten Länder der Welt, aber fast jeder Student hat ein Mobiltelefon.
f.  Die Hebammen tauschen sich über ihre Mobiltelefone miteinander aus.


Welche Wörter passen in die Lücken?

Mobilgeräte sind auch in _____________________, ärmlichen Gebieten verbreitet.
In Kathmandu hatten wir _____ ____________________ nur vier Stunden Strom pro Tag.
Die Hebammen in Südafrika ___________________ sich mit Mobiltelefonen über ihren Beruf  ___________.
Technologie ermöglicht den _____________________ zu Informationen.
Soziale Medien wie Facebook oder Twitter können das Lernen in Schule und Beruf ______________________.
Die Ärzte in Asien sind in der Facebookgruppe miteinander __________________.
__________ die Nutzung von digitalen Medien ___________________, sind jüngere Menschen offener als ältere.
Ein Nachteil beim Lernen in sozialen Netzwerken ist, dass es keine ______________________________ gibt. Es können auch _________________________ gepostet werden.
Die ________________________ mit ihren Lehrern kann den Schülern unangenehm sein.
Für Regionen mit geringer ___________________________ installiert man Material auf dem Handy vor.
MOOCs bieten interessante Möglichkeiten, aber sie _________________ Selbstdisziplin und ___________________________.

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tauschen aus      Durchhaltevermögen        Netzabdeckung       Vernetzung        Qualitätskontrolle       vernetzt
fördern       im Durchschnitt       was betrifft       erfordern       Fehlinformationen       Zugang        abgelegenen
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Welche  drei Fragen würdest du Christoph gerne zum Thema stellen?

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